Warum das funktioniert
Ein Vorhersagefehler lässt sich auf zwei Wegen schließen: Das innere Modell wird angepasst, oder es wird gehandelt, um die Welt an das Modell anzugleichen. Warten allein löst nichts – es verzögert nur, welchen der beiden Wege man wählt.
Resiliente Organisationen unter radikaler Ungewissheit warten nicht auf vollständige Klarheit. Sie verfolgen mehrere Wege parallel und passen ihren Kurs dynamisch an, statt sich vorschnell – oder gar nicht – festzulegen (Bastian et al., 2025).
Dass Ambiguitätstoleranz kein festes Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern ein trainierbarer Zustand, zeigt eine Längsschnittstudie mit Projektleiter:innen: Der Grad, in dem jemand Ungewissheit aushält, schwankt von Woche zu Woche und hängt eng mit Leistung und Wohlbefinden zusammen (O'Connor, Wiewiora & Spark, 2024). Eine frühere Studie derselben Forschungsgruppe zeigt zudem: Führungskräfte mit höherer Ambiguitätstoleranz wirken sich messbar positiv auf die Leistung ihrer Mitarbeitenden aus (O'Connor, Jimmieson, Bergin, Wiewiora & McColl, 2022). Die 70-Prozent-Schwelle in dieser Übung ist kein wissenschaftlicher Grenzwert, sondern eine praktikable Faustregel, um dieses Training konkret erfahrbar zu machen.
02Auf einen Blick
03So gehen Sie vor
- Reale Entscheidung wählen
Nehmen Sie eine echte, gerade anstehende Entscheidung – keine hypothetische. Das ist entscheidend, sonst bleibt die Übung folgenlos.
- Drei Spalten füllen
Was weiß ich über diese Entscheidung wirklich sicher? Was nehme ich an, ohne es belegen zu können? Und was weiß ich schlicht nicht? Achten Sie darauf, dass Annahmen nicht versehentlich in die erste Spalte rutschen – genau dort verstecken sich die meisten Scheinsicherheiten.
- Klarheit einschätzen
Schätzen Sie ehrlich: Wenn hundert Prozent vollständige Klarheit wären – wo stehen Sie gerade?
- Bei 70 % oder mehr: entscheiden
Formulieren Sie die Entscheidung, die Sie mit diesem Grad an Klarheit treffen würden. Vereinbaren Sie sofort einen festen Zeitpunkt zur Überprüfung – kein „irgendwann“, sondern ein konkretes Datum.
- Bei weniger als 70 %: Fokus wechseln
Fragen Sie: Welche der fehlenden Prozente würden sich überhaupt durch weiteres Abwarten klären – und welche nur durch Handeln? Entwickeln Sie ein bis zwei parallele Wege, die sich gleichzeitig verfolgen lassen, statt komplett zu warten.
Reflexionsfragen
Nehmen Sie sich für die folgenden Fragen bewusst Zeit – am besten schriftlich, allein oder im Anschluss an die Übung.
Was hindert mich eigentlich daran, bei 70 Prozent Klarheit zu entscheiden, statt auf 100 Prozent zu warten?
Was verändert sich in meinem Körper, wenn ich mir erlaube, mit einer Annahme statt mit Gewissheit zu arbeiten?
Welche der fehlenden 30 Prozent würden sich ohnehin erst durch Handeln klären lassen – nicht durch weiteres Abwarten?
Wessen Erwartung an „Sicherheit vor der Entscheidung“ versuche ich hier eigentlich zu erfüllen?
Was wäre der teuerste Preis, wenn ich jetzt entscheide und mich irre?
Was wäre der teuerste Preis, wenn ich gar nicht entscheide?
Welchen parallelen Weg könnte ich gleichzeitig offenhalten, statt mich vorschnell auf einen Weg festzulegen?
Woran werde ich in vier Wochen merken, ob diese Entscheidung richtig war – und wer legt diesen Zeitpunkt fest?
Wie oft habe ich in der Vergangenheit auf hundert Prozent gewartet – und was hat mich das gekostet?
Was würde eine Führungskraft, die ich bewundere, an meiner Stelle mit genau diesen 70 Prozent tun?
Was Menschen dabei oft entdecken
Häufigster Aha-Moment: Der Preis des Wartens war bisher unsichtbar – erst die explizite Frage danach macht ihn greifbar. Viele erkennen, dass ein erheblicher Teil der fehlenden Prozente sich niemals durch weiteres Nachdenken klären würde, sondern nur durch einen ersten Schritt. Auch die Unterscheidung zwischen „weiß“ und „nehme an“ wirkt oft überraschend deutlich – viele vermeintliche Fakten entpuppen sich als unausgesprochene Annahmen.
06Für den Alltag
Das 70-Prozent-Prinzip lässt sich als feste Entscheidungsregel im Team etablieren – verbunden mit einem verbindlichen Review-Termin statt endlosem Nachjustieren. Schon die Sprache dafür – „Wir sind bei 70 Prozent, wir entscheiden jetzt und schauen in vier Wochen erneut drauf“ – reduziert Entscheidungsdruck spürbar, weil sie Fehlbarkeit von vornherein einplant, statt sie zu verdrängen.
Varianten
Nur Prozentschätzung und unmittelbare Entscheidung, ohne die drei Spalten.
Das Team wendet die Übung gemeinsam auf eine anstehende Entscheidung an, inklusive Brainstorming paralleler Wege.
Über mehrere Sitzungen an einer großen, folgenreichen Entscheidung, mit festem Review-Termin.
70 Prozent ist eine bewusste, informierte Schätzung – kein Freibrief für Bauchentscheidungen ohne Grundlage. Setzen Sie die Übung nicht bei Entscheidungen mit irreversiblen, existenziellen Konsequenzen ein: Dort ist mehr Sorgfalt und Beteiligung nötig, kein schnellerer Modus.
cts companion to success · cts-companion.de · Quellen: Clark, A. (2013). Whatever next? Predictive brains, situated agents, and the future of cognitive science · Bastian, B. et al. (2025). Managing radical uncertainty · O'Connor, P., Wiewiora, A. & Spark, G. (2024). Ambiguity tolerance as a fluctuating state · O'Connor, P., Jimmieson, N., Bergin, A., Wiewiora, A. & McColl, S. (2022). Leader ambiguity tolerance and team performance.
